Die Inputs
Viviann Matar und Koray Karakas, Schülerinnen am Hermann-Hesse-Gymnasium Berlin, sprachen darüber, wie sie sich Freiräume in der Schule vorstellen. „Freiraum heißt für uns, frei zu entscheiden, was wir machen möchten“, sagten die beiden Schülerinnen. Das sei ein Raum, wo man mit Freunden abhängen kann, wo aber auch neue Jahrgänge bzw. neue Schülerinnen und Schüler integriert werden können.
Ihre eigene Schule hält Frei- und Gestaltungsräume bereit wie den Klassenrat, die bewegte Pause und einen Medienraum. Ein Tag im Schuljahr ist für die Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen reserviert. „Das ist ein Tag ohne Lehrer, wo wir machen können was wir wollen“, erklärten Viviann und Koray. Die Schule hat einen selbstverwalteten Jugendclub, der den Schülerinnen und Schülern viel Spielraum lässt. Hier können die Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, ob sie in der Chill-Ecke abhängen, Musik hören etc. Hier kann man aber auch Freunde finden, haben die Schülerinnen selbst schon erfahren. Davon würden insbesondere die neuen Schülerinnen und Schüler profitieren. Auch Freiräume im Lernen bietet die Schule: Mittagsband, Studienzeiten oder wählbare Profilkurse, in denen sich Schülerinnen und Schüler ohne Zensurendruck ausprobieren können.
Die Schulleitung ist seit vier Jahren im Amt. Als sie antrat, war die Schule nicht nachgefragt. Auch die Schülerinnen und Schüler waren nicht zufrieden und wenig motiviert, sich zu beteiligen. Mit dem Konzept der Frei- und Gestaltungsräume wurden Gegenmaßnahmen ergriffen, die vieles zum Positiven verändert haben. Mittlerweile gibt es viele engagierte Schülerinnen und Schüler. Das zeigt sich u.a. an der hohen Beteiligung an der U18-Wahl, bei der die Schule mitgemacht hat, sagten Viviann und Koray. Vor der Wahl hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit den Parteiprogrammen auseinander gesetzt und konnten ausprobieren, wie eine „richtige“ Wahl funktioniert. Schule ist Lebenszeit! Und die wird an der Schule aktiv gestaltet.
Can Sengül ist Sozialpädagoge am Hermann-Hesse-Gymnasium Berlin. Er betreut dort den Schülerclub. Er beleuchtete, wie Ganztagsschule „Jugend ermöglichen“ kann – also über den Qualifizierungsauftrag hinaus Raum für Verselbstständigung und Selbstpositionierung schafft, ohne einen zu starken Rahmen vorzugeben. Erwachsene haben andere Vorstellungen von Freiräumen als Jugendliche, macht er deutlich. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet Freiraum, unter sich sein zu dürfen, ohne Erwachsene, und dabei auch mal die Lautstärke aufzudrehen, die die Erwachsenen am liebsten auf Zimmerlautstärke halten. Jugendliche müssen jugendlich sein dürfen. Das können sie nur unter sich, so Can Sengül.
Aber sie brauchen auch Verantwortung. Die haben sie am Hermann-Hesse-Gymnasium z. B. im Schülerclub. Die Jugendlichen verwalten den Schülerclub allein. Bis die Selbstverwaltung funktionierte, hat es ca. 3 Jahre gedauert. Nicht nur die Jugendlichen, auch die Erwachsenen müssen diesen Lernprozess durchhalten und Verantwortung nicht vorzeitig wieder abgeben oder entziehen. Das bedeutet, Jugendliche ernst zu nehmen und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren, sagte Can Sengül.
Ludger Pieper, Sachverständiger des 15. Kinder- und Jugendberichts, sprach darüber, wie „Institutionen des Aufwachsens gegenüber Jugendlichen und ihren Freiräumen eine Kultur der Zurückhaltung entwickeln“ (DJI Impulse 1/2017, S. 27). „Dieser Satz ist wunderbar! Für mich sind drei wichtige Begriffe darin enthalten: Haltung, denn das Bewusstsein einer Haltung ist wichtig, verbunden mit Zurückhaltung und der Einladung eine Kultur daraus zu entwickeln.“, so Ludger Pieper. Wenn wir eine Ganztagsschule für Jugendliche machen wollen, müssen wir einen anderen Weg gehen, als in der Grundschule. Zentrales Prinzip ist Partizipation und zwar als Ausgangspunkt bis hin zum Ziel der Selbstbestimmung. Partizipation heißt streng gedacht, dass nur Angebote gemacht werden können, die freiwillig sind.
Ganztagsschule kann Gegenwicht zum Schulalltag sein, wenn sie Jugendliche nicht nur als Schülerinnen und Schüler, sondern als ganze Menschen sieht. Und wenn Unterricht nur als ein Teil der Qualifizierung verstanden wird. Den ganzen Menschen zu betrachten, ist jedoch eine große Herausforderung. Es erfordert eine Vielfalt an Angeboten, statt einer Verlängerung von Unterricht in den Nachmittag hinein, wenn z. B. schulische Defizite in Nachhilfeangeboten ausgebügelt werden sollen.
„Freiraum heißt auch das NICHTS zuzulassen“, meinte Ludger Pieper. Es bedeutet, Raum abzugeben, in denen Jugendliche nichts als Jugendliche sein dürfen. Erwachsene müssen aufmerksam sein für die Themen, die die Jugendlichen bewegen und diese Themen in den Schulalltag einbeziehen und zwar in konsequent partizipativen Strukturen. Eine Kultur der Zurückhaltung zeigt sich in Räumen, in denen Schülerinnen und Schülern nichts als Jugendliche sein dürfen: so sieht eine Ganztagsschule aus, die für Jugendliche gemacht ist.
Martin Nanzig, Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. (DeGeDe), sprach über die Herausforderungen und Entwicklungstendenzen in der Demokratiepädagogik und was dies für Ganztagsschule bedeutet. In der DeGeDe geht man davon aus, dass Schule ein zentraler Ort demokratischen Lernens ist. Demokratische Schulentwicklung und demokratische Handlungskompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu fördern, sind zentrale Anliegen der DeGeDe. Sie tut dies, indem sie berät oder Qualitätsstandards für Demokratiepädagogik entwickelt. Demokratische Kompetenzen sind Zukunftskompetenzen, so Martin Nanzig. Dazu gehören Teamfähigkeit, Flexibilität, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
„Die These, Kinder hätten keine Lust, sich engagieren, stimmt nicht. Wenn sie Räume haben, engagieren sich Kinder auch.“, sagte Martin Nanzig. Der Ganztag bietet enorme Chancen, um demokratische Handlungskompetenzen zu fördern. Dazu gibt es zahlreiche kompetente Partner und unterstützende Programme wie Service-Learning – Lernen durch Engagement oder Demokratisch Handeln. Aber auch ohne externe Programme kann Demokratielernen funktionieren.
Selbstwirksamkeit in der Ganztagsschule erleben und gemeinsame Prozesse für mehr Mitbestimmung gestalten, sei möglich. Je früher damit angefangen wird, desto besser. Er gab als Beispiel eine Grundschule, an der ein starkes Schülerparlament entstanden ist, das regelmäßig auch im Stadtrat vertreten ist. Der Klassenrat müsste in jeder Klasse verpflichtend sein und am besten in der kompletten Schullaufbahn durchgeführt werden, findet Martin Nanzig. Demokratiepädagogik sollte als Querschnittsthema gedacht und umgesetzt werden, dann ist sie am wirkungsvollsten.